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Wichtigste Inhalte des Vortrags von Studiendirektor a. D. Ulrich Sprenger, Arbeitskreis Gesamtschule, im Titusforum der Frankfurter Nordweststadt am 15. Nov. 2005, mit ergänzenden Bemerkungen. Veranstalter: Hessischer Elternverein und Arbeitskreis Schule und Bildung des CDU-Kreisverbandes Frankfurt am Main in Zusammenarbeit mit der Hessischen Akademie für politische Bildung e.V.
Ulrich Sprenger war über 20 Jahre Schulleitungsmitglied einer Integrierten Gesamtschule (IGS). Er reichte dem Kultusministerium von NRW zahlreiche Verbesserungsvorschläge ein, die ohne Antwort blieben. Erst nach seiner Pensionierung konnte er an die Öffentlichkeit gehen. U.a. gründete er den Arbeitskreis Gesamtschule.
In der Einladung wurde angeführt, in Frankfurt entstehe ein Trend hin zur Umwandlung kooperativer Gesamtschulen in integrierte, weil über den Besuch der IGS und gymnasialer Oberstufen das Abitur weiterhin nach 13 Schuljahren abgelegt werden könne. Es gebe Aktionen, die suggerierten, auch benachteiligte Kinder würden in einer IGS besser gefördert, als dies bei einem „Turbo-Abitur“ möglich sei. Die Ländervergleiche der PISA-Studien hätten die sozialdemokratisch regierten Bundesländer – diese propagieren zugleich die Integrierte Gesamtschule - als Schlusslichter Deutschlands gezeigt.
Nicht das Bewährte, Alte ist gut, sondern das ungeprüfte Neue
Nach diesem Motto wurde seit den 60er Jahren die Bildungsreform betrieben. Die IGS hieß ursprünglich „Integrierte und differenzierte Gesamtschule“. Man versprach, nicht nur alle Kinder gemeinsam zu unterrichten, so dass jeder von jedem lernen könne, sondern sehr weitreichend zu differenzieren, auf drei Ebenen, vielleicht sogar auf vier, in den Hauptfächern Deutsch, Englisch und Mathematik zu unterrichten, in den meisten anderen Fächern mindestens auf zwei Ebenen. Jeder werde einen Abschluss erreichen, niemand mehr sitzen bleiben, alles sei angstfrei. Wer in eine niedrigere Leistungsgruppe abzurutschen drohe, erhalte einen Stützkurs. Wer in die nächst höhere Gruppe aufsteigen wolle, bekomme einen Liftkurs.
Das meiste waren leere Versprechungen. Als offensichtlich wurde, dass die Leistungen der Integrierten Gesamtschulen hinter den Leistungen der gegliederten Schulen zurückblieben, wurden neue Formen der IGS erfunden: z.B. Team-Kleingruppen-Modell, abschlussbezogene Klassen, alle paar Jahre eine „neue Generation der Integrierten Gesamtschule“.
Wissenschaftliche Untersuchungen wurden nicht beachtet und sogar „verschwiegen“
Bildungspolitiker einer bestimmten Provenienz haben jahrzehntelang von wissenschaftlichen Leistungsermittlungen der Schulen nichts gehalten. „Vom Wiegen wird die Sau nicht fett.“ Es gebe zu viele Einflüsse außerhalb der Schule, man erhalte keine verwertbaren Ergebnisse. Erst als internationale Untersuchungen bekannt wurden (TIMSS wurde gegen den Widerstand einer Reihe von Kultusministern veröffentlicht), begann ein Umdenken. TIMMS und PISA bescheinigten Deutschland nur noch Durchschnitt und der Integrierten Gesamtschule deutlich unterdurchschnittliche Leistungen. Hatte die deutsche pädagogische Forschung versagt und jahrzehntelang geschlafen? Oder hatte die Politik Warnungen der Wissenschaftler, mancher Lehrerverbände und Elternvereine einfach in den Wind geschlagen? Die pädagogische Forschung hatte nicht den Mut, die Wahrheit zu sagen, ihre Erkenntnisse zu veröffentlichen. Und die Politik schlug alle Warnungen in den Wind.
Wichtig für erfolgreichen Unterricht: möglichst homogene Vorkenntnisse und Begabungen
1968-70 ergab eine sehr umfangreiche, vom Max-Planck-Institut für Bildungsforschung (MPIB) bearbeitete Leistungsstudie in Deutsch, Englisch und Mathematik: Allzu große Unterschiede der Vorkenntnisse und Begabungen (Streuung) behindern schon am Gymnasium die Effektivität des Unterrichtens und das Lerntempo der Klasse. Je breiter die Streuung (wie z.B. in der Gesamtschule), um so eher ist der Unterrichtserfolg gefährdet. – Für leistungsstärkere wie –schwächere Schüler ist ein Unterricht am erfolgreichsten, der hohes Anspruchsniveau mit zügigem Fortschreiten verbindet. Er setzt jedoch relative Homogenität voraus. – Schüler der 6-jährigen Grundschule (z.B. Berlin, Bremen) haben ein Jahr Rückstand gegenüber Schülern, die in 5 und 6 ein Gymnasium besucht haben. Ein vernichtendes Urteil auch für die Förderstufe (Bremsstufe).
Die Wahrheit wurde über 15 Jahre verschwiegen. Hat man sich nicht getraut?
Die Ergebnisse der Studie aus 1968-70 hätten den vagen Versprechungen der Bildungsreformer der 70er Jahre den Boden entziehen können. Sie wurden aber erst 1986 veröffentlicht (Baumert, Röder, Sang, Schmitz, Zeitschrift für Pädagogik 5/1986). Daraus zwei Zitate: „Auf zunehmende Streuung ... antworten Lehrer offenbar mit einer Verlangsamung des Unterrichtstempos ...“. „Diese repetitive Unterrichtsführung nützt wider Erwarten Schülern mit ungünstigen Eingangsvoraussetzungen nur wenig, während die Lernfortschritte der Schüler des oberen Leistungsdrittels merklich beeinträchtigt wurden.“ – Und noch deutlicher werden Baumert und Köller 2002 (in Oerter/Montada, Handbuch der Entwicklungspsychologie): „Frühe Differenzierung fördert leistungsstarke Schüler“. Das MPIB weiß also seit 35 Jahren: Leistungsstarke Schüler können in den leistungsgemischten, undifferenzierten Lerngruppen von weiterführenden Schulen nicht begabungsgerecht, sondern nur unter dem Niveau ihrer Möglichkeiten gefördert werden. Das gilt erst recht für die viel größere Streuung in der IGS. – Wir leben im freiesten Staat unserer Geschichte. Aber manchmal haben wir für diese Freiheit keinen Mut.
Ideologen sind wissenschaftsresistent, häufig bis zur Verantwortungslosigkeit
1995 wollte die SPD in Sachsen-Anhalt das westdeutsche Auslaufmodell Förder- oder Orientierungsstufe einführen. Prof. Roeder, Vorgänger von Prof. Baumert als Direktor des MPIB, riet dem Landtag in einem Gutachten dringend davon ab: Die Probleme von undifferenzierten Lerngruppen seien durch Binnendifferenzierung nicht zu bewältigen. Der Unterricht in den Klassen 5 und 6 in diesen Lerngruppen benachteilige mit hoher Wahrscheinlichkeit diejenigen Schüler, die ab Klasse 7 ein Gymnasium besuchen, gegenüber Schülern, die bereits die Klassen 5 und 6 im Gymnasium absolviert haben. Der Leistungsunterschied in Mathematik und Englisch liege bei etwa einem Schuljahr. - Das Gutachten nützte nichts; die SPD – toleriert von der PDS - führte die Zwangs-Förderstufe ein, die einige Jahre später von der CDU wieder abgeschafft wurde.
Die Integrierte Gesamtschule hindert die Schüler an ihrer Entfaltung
Aufschlussreich sind die Resultate der BIJU-Studie (Bildungsverläufe und psychosoziale Entwicklung im Jugendalter): NRW-Realschüler sind am Anfang der Klasse 7 gleich begabten Gesamtschülern in Englisch und Mathematik um etwa ein Jahr voraus, weil diese durch die 6-jährige Grundschule bzw. durch die Orientierungsstufe geschädigt sind. Am Ende der 10. Klasse liegt der Wissensvorsprung der Realschüler sogar bei etwa zwei Jahren. Wer verantwortet eigentlich den Rückstand der Gesamtschüler? „Es gibt keine Hinweise, dass die ungünstige Leistungsentwicklung durch besondere überfachliche Leistungen kompensiert werden könnte“ (Baumert u. Köller, Pädagogik 6/1998).
Aus dem Grundgesetz ergibt sich das Recht auf die freie Entfaltung der Persönlichkeit. Kann sich Deutschland leisten, Begabungen nicht zu entwickeln, sie an der Entfaltung zu hindern? Wie will die Schule das Dilemma zwischen Leistungsförderung und Leistungsausgleich bewältigen? Wen will sie fördern, wen bevorzugt fördern? Will sie Leistungssteigerung auf breiter Ebene oder nur den Ausgleich von Leistungsunterschieden? Wie will sie erreichen, dass der Erziehung, Bildung und Anstrengung in Elternhaus und Schule der Wert bei den Menschen und die Bedeutung in unserem Gemeinwesen zugemessen wird, den sie – notwendigerweise – verdienen?
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